 In fünf Jahren zum zweitgrößten Bestand der Welt...
Wie die Dülmener in die Lüneburger Heide kamen...
Seit 1909 setzt sich der Verein Naturschutzpark Lüneburger Heide e.V. (VNP, seit 2008 Stiftung Naturschutzpark) für den Erhalt der Lüneburger Heide ein. In den letzten 100 Jahren hat sich der VNP dabei nicht nur als wichtige Naturschutzorganisation einen Namen gemacht. Durch Haltung und Zucht von Grauen gehörnten Heidschnucken bereits seit 1920 ist der VNP auch zu einer wichtigen Institution in der Tierzucht geworden. Von den heute im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide (NSG) weidenden acht Schnuckenherden gehören sechs Herden mit rund 2.200 Muttertieren dem VNP und werden vom stiftungseigenen landwirtschaftlichen Betrieb, dem Landschaftspflegehof Tütsberg, gehalten. Entgegen dem allgemeinen Trend hat der VNP seinen Schnuckenbestand in den letzten 10 Jahren von zwei auf sechs Herden erhöht. Aus wirtschaftlichen Gründen ist die Haltung der alten, vom Aussterben bedrohten Haustierrassen heute für viele landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr rentabel, und so haben auch in der in der Lüneburger Heide nahezu alle Heidehöfe die Schnuckenherden abschaffen müssen.
Die positiven Erfahrungen mit dem Einsatz der Heidschnucken in der Landschaftspflege haben die Verantwortlichen des VNP dazu bewogen, ab 2004 das züchterische Engagement auszuweiten und bei neuen, experimentellen Ansätzen im Rahmen des „Beweidungsprojektes Radenbachtal“ wieder auf eine alte Haustierrasse zu setzen.
Im Rahmen des sog. "Naturschutz-Großprojektes" (GR-Projekt) Lüneburger Heide wurden vom VNP mit maßgeblicher Förderung durch das Bundesumweltministerium bzw. das Bundesamt für Naturschutz ca. 150 ha Heide-, Wald- und Grünlandflächen im Radenbachtal eingezäunt. Als experimentelle „tierische Landschaftspfleger“ wurden 20 Kühe („Wilseder Rote“) und sechs Dülmener Stuten gekauft .
Wildpferd oder Hauspferd? – eine kurze Zuchtgeschichte der Dülmener ...
Seit dem die Dülmener Herde im Radenbachtal Einzug erhalten hat, häufen sich Anfragen an den Landschaftspflegehof Tütsberg nach den sogenannten „Wildpferden“. Das Dülmener Pferd ist zwar die einzige deutsche Robustrasse und auch die älteste urkundlich erwähnte Kleinpferderasse, ein „Wildpferd“ im zoologischen Sinne ist es jedoch nicht. Und so beginnen Führungen und Artikel über die Dülmener Pferde immer mit einem kurzen Exkurs in die Geschichte des Pferdes, um Missverständnisse und falsche Erwartungen bei Besuchern und Wissbegierigen gleich auszuschließen.
„Echte“ Wildpferde waren während und nach den Eiszeiten in West- und Mitteleuropa ursprünglich weit verbreitet. Sie gehörten zur beliebtesten Beute der steinzeitlichen Jägerkulturen – man denke an die berühmten Abbildungen von Wildpferden in den Höhlen von Lascaux. Wildpferde (Equus ferrus) haben in Mitteleuropa noch bis in die frühe Neuzeit in Restbeständen überlebt. Das „echte“ europäische Wildpferd im zoologischen Sinne, der sogenannte Waldtarpan (Equus ferrus sylvaticus), wurde erst im 18. Jahrhundert durch Bejagung und Zerstörung des Lebensraumes dezimiert und gilt seit 1808 endgültig als ausgerottet. Nachdem auch die östliche Variante des Tarpans (der sogenannte Steppentarpan, Equus ferrus gmelini) im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde, gibt es weltweit nur noch eine echte Wildpferdeart, das sogenannte Przewalski-Pferd (Equus ferrus przewalskii). Dieses Wildpferd war jedoch ursprünglich im östlichen Asien und nicht in Westeuropa verbreitet und unterscheidet sich durch Farbe, Körperbau und Langhaar deutlich vom europäischen Wildpferd. Auch das Przewalski-Pferd wurde durch Bejagung nahezu ausgerottet, konnte aber in kleinen Herden in zoologischen Gärten überleben, gezüchtet und in seinem ursrpünglichen Lebensraum, in der Mongolei, wieder ausgewildert werden.
Vom Przewalsiki-Pferd abgesehen, handelt es sich weltweit bei allen anderen sogenannten „Wildpferden“ wie den amerikanischen Mustangs, den polnischen „Koniks“, den englischen „Exmoor-Ponies“ oder auch den deutschen „Dülmenern“ nicht um echte Wildpferde, sondern um verwilderte Hauspferde (Equus ferrus caballus), die durch die Haltung bedingt wieder ein sehr natürliches Herdenverhalten angenommen haben. Durch gezielte Rückkreuzungen haben außerdem seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Zoologen wie die Brüder Heck und der Tierarzt Dr. Gaede Versuche unternommen, eine sogenannte Abbildzüchtung des Tarpans zu erreichen. Die heute in einigen Pferdezuchtverbänden geführte Rasse des „Tarpan“ (auch Heckpferd genannt) geht auf diese Rückzüchtungen zurück. Dabei handelt es sich bei den modernen Tarpanen jedoch weder um ein Wildpferd noch um eine alte, vom Aussterben bedrohte Haustierrasse, sondern um eine moderne Abbildzucht. Die Fellfärbung bezeichnet man als „Grau-Falbe“, eine heute auch bei den Dülmenern häufig vorkommende Farbe.
Das Dülmener „Wildpferd“ ist im Gegensatz zum Tarpan eine alte Hauspferderasse, die bereits seit dem Mittelalter urkundlich erwähnt wird und in den feuchten Bereichen des westfälischen Münsterlandes beheimatet ist. Seit mehreren Jahrhunderten stehen die Dülmener unter der Obhut des Hauses Merfeld, später der Herzöge von Croy, die ihnen auf ihrem Grundbesitz eine große sogenannte „Wildbahn“ als Reservat zur Verfügung gestellt haben. Durch das große Engagement der Herzöge von Croy konnten die Dülmener als einzige umgangssprachlich sogenannte „Wildpferderasse“ in Deutschland überleben. Die Herzöge von Croy haben aufgrund der Tradition ihrer Wildbahn deshalb auch bis heute das Recht, ihre Dülmener mit einem eigenen Brandzeichen versehen und als „Dülmener Wildpferde“ verkaufen zu dürfen. Alle außerhalb der Croyschen Wildbahn geborenen Dülmener müssen zuchtrechtlich als „Dülmener“ Pferde bezeichnet und und bei den jeweiligen Pferdezuchtverbänden als solche eingetragen werden.
Wildbahnen, bzw. Wildbahngestüte waren auch außerhalb von Dülmen noch bis in das 20. Jahrhundert hinein in Westfalen und Lippe vorhanden. Einige wurden im Zuge der Markenteilung (Privatisierung der Allmenden) im 19. Jahrhundert aufgelöst. Das berühmte Sennergestüt brannte erst in den Wirren der letzten Kriegstage 1945 ab. Wildbahngestüte unterscheiden sich von normalen Pferdezuchtbetrieben dadurch, dass die Stutenherden weitgehend natürlich und sich selbst überlassen auf großen, z.T. eingezäunten Flächen gehalten werden. Der Eingriff des Menschen beschränkte sich bei den meisten Wildbahngestüten auf die Auswahl der Vatertiere und das gezielte Entnehmen von Jungtieren. Durch die halbwilde Haltung der Muttertiere und die Aufzucht der Jungtiere im Herdenverband behielten die „Wildpferderassen“, wie die Dülmener, ihr natürliches Verhalten und auch z.T. ihr wildpferdeartiges Aussehen bei. Wobei auch bei den Dülmenern Vererber, „edlerer“ Rassen (z.B. Welsh) eingesetzt wurde.
In Dülmen selbst wird heute eine Stutenherde von ca. 300 Tieren mit weiblicher Nachzucht und Fohlen ganzjährig im Freien gehalten. Die Zulassung der Deckhengste erfolgt gesteuert für eine kurze Deckperiode von ca. sechs Wochen mit je zwei Hengsten. Die Abfohlsaison liegt von März bis Mai und Ende Mai werden die einjährigen Hengste im Rahmen eines großen Volksfestes aus der Herde gefangen und versteigert. Eine tierärztliche Versorgung der Pferde findet nicht statt. Die Zuchttiere werden bewusst nicht ausgebildet oder an Menschen gewöhnt. Die einzige Steuerung des Herdenzustandes erfolgt über das Weidenmanagement und eine Zufütterung mit Grundfutter während der Wintermonate.
Neben dem Wildbahngestüt in Dülmen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten in Europa mehrere neue Beweidungsprojekte mit Pferden in Naturschutzgebieten etabliert. Eines der ältesten und vmtl. mit über 5.000 ha auch das größte wurde in den Niederlanden seit 1992 auf dem Oostervaarderplassen, einem Polder im Isselmeer eingerichtet. Konik-Pferde werden hier völlig wild und ohne jeglichen Eingriff des Menschen zur Offenhaltung des Polders eingesetzt, zusammen mit Auerochsen-Rückzüchtungen, Hirschen und Bibern. Im Gegensatz zu Wildbahngestüten erfolgt in diesem Projekt keine gezielte Zucht, sondern eine quasi natürliche Vermehrung der Tiere. Alle männlichen Tiere verbleiben in der Herde und nach dem Gedanken des „Survival of the Fittest“ setzen sich in Rangordnungskämpfen die stärksten Hengste durch. Die Vermehrung erfolgt bis an die Kapazitätsgrenze des Lebensraumes, so dass in strengen Wintern auch das Sterben eines Teils der Population bewusst in Kauf genommen wird. In Deutschland haben einige kleinere Projekte mit Konik-Pferden oder Exmoor-Ponies z.B. in der Eider-Treene-Sorge-Niederung in Schleswig-Holstein, in der Sudeniederung an der Elbe in Niedersachsen oder im Solling das niederländische Projekt zum Vorbild genommen und sogenannte „Großviehbeweidungsprojekte“ eingerichtet.
Diskussionen über Ziele und Leitbilder für das NSG Lüneburger Heide innerhalb des VNP führten dazu, dass bei der Konzeption des Radenbach-Projektes weder die Dülmener Wildbahn noch die Beweidungsprojekte nach niederländischem Muster als Leitbild dienen sollten. Das NSG Lüneburger Heide ist eine historische Kulturlandschaft, bei der anders als z.B. auf dem Oostervaarderplassen nicht die Initiierung natürlicher Prozesse, sondern der Erhalt nutzungsabhängiger Kulturlebensräume und -arten im Vordergrund steht. In Anlehnung an die guten Erfahrungen mit der Zucht der Heidschnucken und dem gezielten Einsatz von Tieren in der historischen Kulturlandschaft sollen die VNP-Dülmener bewusst als Haustiere im Rahmen eines geregelten landwirtschaftlichen Betriebes gehalten werden.
Was muss ein Dülmener im Radenbachtal leisten? - Zuchtziele und Herdenmanagement...
Die Haltung und Zucht von Dülmener Pferden im Radenbachtal begann im Sommer 2004 mit dem Erwerb von sechs z.T. tragenden bzw. gedeckten Zuchtstuten von Mitgliedern der Interessengemeinschaft Dülmener (IG Dülmener). Aus der Wildbahn in Dülmen werden nur männliche Tiere verkauft, so dass es sehr schwierig war, überhaupt eine entsprechende Anzahl von Stuten für das Radenbach-Projekt zu erwerben und bei der Auswahl einige Zugeständnisse gemacht werden mussten.
Pferdebestände zum 1.1. des jeweiligen Jahres: (Jahr Hengste / Wallache, Stuten, Fohlen, Gesamtbestand).
2010: 2, 11, 16, 29 2009: 1, 11, 14, 26 2008: 1, 10, 10, 21 2007: 1, 10, 4, 15 2006: 0, 9, 2, 11 2005: 0, 6, 2, 8
Nach dem Kauf des Anfangsbestandes an Stuten hat sich die Herde durch eigene Nachzucht sehr gut entwickelt. Durch Tausch von Tieren mit anderen Züchtern gelang es, die sehr engen Blutlinien bei den Stuten etwas zu erweitern. Nach fünf Jahren Haltung und vier Jahren eigener Zucht ist der Bestand 2010 soweit angewachsen, dass auch an Verkauf gedacht werden und die Stutenherde für die weitere Zucht etwas stärker selektiert werden kann. Die Zucht der Dülmener ist für den VNP kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus den Naturschutzzielen für das Radenbachtal. Die wichtigsten Zuchtziele sind deshalb Gesundheit und Robustheit, Leichtfuttrigkeit, korrektes Fundament und Gebiss sowie Umgänglichkeit. „Äußere Schönheit ist Luxus“ und spielte bei den bisherigen züchterischen Erwägungen eine eher untergeordnete Rolle.
In ihrer Rolle als Landschaftspfleger müssen die Tiere ganzjährig im Freien arbeiten. Sie mussten in den vergangenen fünf Jahren sowohl bei -16 Grad im Winter als auch bei über 30 Grad im Sommer alleine zurecht kommen. Winterdecken, Fliegennetze und Insektenspray gibt es nicht. Zugefüttert wird in der Regel nicht, seltene Ausnahmen bilden hohe Schneelagen oder extremer Aufwuchsmangel. Die Tiere erhalten Mineralfutter und Lecksalz sowie Lockfutter (Hafer aus eigenem Anbau). Die Dülmener zeigen ein weitgehend „natürliches“ Freßverhalten. Mit dem ersten frischen Aufwuchs fressen sie sich über den Sommer hinweg einen enormen Speckvorrat an, den bei Pferdehaltern wenig geschätzten „Weidebauch“. Von diesem Vorrat zehren die Tiere über den Winter, wenn auch unbeliebtes Futter wie alte Grashorste, Binsen und Gehölze auf dem Speiseplan stehen. Über den Winter magern die Tiere sichtbar ab, um dann binnen weniger Wochen im Frühjahr wieder zuzunehmen.
Da die Tiere in natürlichem Gelände unterwegs sind, müssen sie ausreichend marschtauglich und nicht wasserscheu sein. Hufeisen und Bandagen werden nicht eingesetzt. Das Hufhorn muss deshalb fest und die Beine korrekt gestellt sein. Wichtig ist auch eine korrekte Stellung des Gebisses, da die Zähne ja das wichtigste Werkzeug bei der Arbeit als Landschaftspfleger sind. Die Pferde werden i.d.R. täglich von einem Landwirt kontrolliert und auch das Umtreiben und Behandeln der Tiere wird meistens von einem, selten zwei oder mehr Personen durchgeführt. Dies ist nur möglich, wenn die Tiere ruhig, charakterlich einwandfrei und an die Behandlung durch den Menschen gewöhnt sind Neben einem korrekten Exterieur, ist deshalb das Interieur bzw. der Charakter wichtig für die Zuchtauswahl. Weniger wichtig waren in der Vergangenheit „äußerliche“ Zuchtziele, wie sie in den offiziellen Zuchtkriterien für das Dülmener Pferde genannt werden: Größe, Farbe, Abzeichen.
Angestrebt wird beim Dülmener Pferd eine Größe von 125 bis 135 cm. Die Pferde sollen eine möglichst ursprünglich, vermeintlich „wilde“ Färbung als Grau- oder Braunfalben aufweisen. Rappen, Schimmel und Schecken werden von der Zucht ausgeschlossen. Abzeichen sind unerwünscht.
Durch das Einkreuzen von Hauspferderassen in den Dülmener Bestand in der Wildbahn zeigen die heutigen Dülmener Pferde und Wildpferde auch weiße Abzeichen. Außerdem erscheint der Stutenbestand in Dülmen relativ groß. Bei einer strengen Auslese der Zuchtstuten außerhalb der Wildbahn nach den offiziellen Zuchtkriterien wäre die Dülmener Population wahrscheinlich binnen kurzer Zeit ausgerottet.
Bei allen privaten Dülmener Züchtern sowie in der von Croyschen Wildbahn ist die Zucht in den letzten Jahren stark rückläufig. Der sehr schwierige Markt für Kleinpferde und die ständig steigenden Kosten für die Pferdezucht- und haltung haben viele Züchter zur Einschränkung ihres Engagements gezwungen. Aus der Dülmener Wildbahn wurden in den letzten Jahren nur noch ca. 35 Jährlingshengste pro Jahr verkauft. Wurden 2008 noch 25 Fohlen außerhalb von Dülmen geboren, davon 5 im Radenbachtal, so waren es 2009 nur noch 8 davon 7 im Radenbachtal. Unbeabsichtigt ist so dem VNP mit derzeit 29 Tieren neben dem Herzog von Croy der größte aktive Zuchtbestand der Dülmener zugefallen.
Was leisten die Dülmener im Radenbachtal?
Die Dülmener haben in den letzten fünf Jahren gemeinsam mit den Rindern die Flächen im Radenbachtal ganzjährig beweidet und damit zur Offenhaltung der naturschutzfachlich besonders wichtigen Heide- Bachtal- Übergänge beigetragen. Dabei hat sich gezeigt, dass auch ein Pferd keine „Bäume ausreißen“ kann. Befürchtungen, bzw. Hoffnungen, dass die Pferde Altholz schälen und zum Absterben bringen würden, sind nicht eingetreten. Die Pferde fressen nach Möglichkeit immer zu erst die Grasbestände. Positiv ist dabei hervorzuheben, dass sie gemeinsam mit den Rindern an vielen Stellen des Beweidungsgebietes inzwischen die zu Anfang dominierenden Pfeifengrasbulten in kurzrasige Pfeifengrasrasen verwandelt haben. Besen- und Glockenheide kann sich so langfristig wieder in den vormals völlig verfilzten Flächen ansiedeln.
Gehölze werden, wenn überhaupt, nur in sehr jungem Zustand verbissen. Die Pferde schaffen es allerdings, sich innerhalb der Waldbereiche eigene „Straßen“ und „Plätze“ anzulegen und von dort aus auch den Gehölzjungwuchs allmählich zu unterdrücken. Auch für Fachleute erstaunlich ist der erhebliche Verbiss der Rinder und Pferde von Heidekraut. Hier stehen sie den Schnucken in Nichts nach und haben einige Heideflächen inzwischen schon (fast zu) kurz gefressen.
Die Pferde erzeugen durch ihr Freßverhalten ein für Insekten und Vögel interessantes Mosaik aus sehr kurzrasigen Grasflächen und längerer Vegetation (Hochstauden, überständige Grasbulten auf Geilstellen). Aus Artenschutzsicht etwas misslich ist der sogenannte „Neugierfraß“. Die Pferde interessieren sich offensichtlich sehr für buntblumige Pflanzen und vernaschen so auch die ein oder andere Orchidee ohne vorher eine Ausnahme von der Bundesartenschutzverordnung beantragt zu haben. Botanische Besonderheiten und besondere Entwicklungsbereiche werden deshalb nach Möglichkeit inzwischen mit E-Zäunen zeitweilig ausgezäunt und die Besatzdichte in den Koppeln entsprechend reguliert.
Insbesondere die Hengste legen auf ihren Weide regelrechte „Misthaufen“ an, auf denen sich die Pferdeäpfel türmen. Sie sorgen so allmählich für eine Verlagerung von Nährstoffen innerhalb der Koppeln von den bevorzugten Grasflächen hin zu den Randbereichen am Gehölzrand, wo die beliebtesten Einstands- und Mistplätze liegen.
Als Ersteinrichtungspflege wurden in den letzten fünf Jahren auch noch viele vormals Brach gefallene Flächen im Radenbachtal gemäht und Waldbereiche maschinell aufgelichtet. Auf einigen Flächen wird auch regelmäßig Winterfutter für die Rinderherde geworben, so dass sich allmählich wieder ein Nebeneinander unterschiedlich genutzter Flächen im Radenbachtal entwickelt hat. Die Offenlandbereiche haben dabei wieder zu genommen und die Flächen erhalten nach und nach die gewünschte „Durchlässigkeit“ z.B. für das stark bedrohte Birkhuhn. Birkhühner haben deutschlandweit einen der letzten großen Brutbereiche in unmittelbarer Nachbarschaft der Koppeln und haben auch schon direkt in den Koppeln gebrütet.
Neben der positiven Wirkung der Rinder und Pferde auf die Vegetation liegt ein unschätzbarer Wert der Weidetiere in ihrer Rolle als Respektsperson und Sympathieträger. Außerhalb der Koppeln kommt es in den Heideflächen immer wieder zu Konflikten mit Quer-Feld-Ein-Wanderern und Gästen mit nicht angeleinten Hunden. Der natürliche Respekt der meisten Besucher vor den Weidetieren führt dazu, dass die Koppeln weitgehend toleriert werden und Besucher die Tiere nur von außerhalb des Zauns, bzw. auf dem speziell ausgewiesenen Pfad durch die Koppeln besuchen. Da die Pferde bewusst niemals aus der Hand gefüttert werden, ist das Interesse der Tiere an den verbotenen Leckerlis der Besucher relativ gering, so dass es bislang auch nicht zu Problemen mit Koliken, Vergiftungen oder Beißereien kam.
Ein großer Vorteil der Dülmener ist ihre einfache Handhabbarkeit z.B. bei Ausstellungen oder Veranstaltungen. Sie lassen sich leicht einfangen und transportieren und ertragen auch größere Volksmassen mit stoischer Gelassenheit. Sie sind so, z.B. zuletzt im Juli 2009 bei der Eröffnung des Heide-Erlebniszentrums in Undeloh oder im Oktober beim Tag des Pferdes im Hamburger Freilichtmuseum Kiekeberg perfekte Werbeträger für die Lüneburger Heide und die Arbeit des VNP.
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Nach einer gewissen Euphorie bei der Entwicklung von sogenannten Beweidungsprojekten in den letzten zwei Jahrzehnten häufen sich in den letzten zwei Jahren Negativberichte über den Einsatz von Pferden und Rindern für den Naturschutz. Verhungerte Rinder und vernachlässigte Koniks in Ostfriesland und im Kreis Konstanz oder Exmoor-Ponies mit unbehandelten schweren Verletzungen haben für eine „negative Presse“ gesorgt und führen immer wieder zu besorgten Nachfragen bei Führungen und zuletzt auch zur Kontrolle der Tiere im Radenbachtal seitens der zuständige Behörde. Im Gegensatz zu den sogenannten Beweidungs- oder Wildnisprojekten werden die Dülmener im Radenbachtal ausdrücklich als Haustiere gehalten und behandelt. Sie werden i.d.R. täglich kontrolliert, routinemäßig gegen Tetanus geimpft, gegen Dasselfliegen behandelt und zweimal jährlich dem Schmied vorgestellt. Bei Bedarf erfolgen Entwurmungen, bei Verletzungen und Erkrankungen wird ein Tierarzt eingeschaltet.
Bei Haltern von Robustpferden gefürchtete Erkrankungen wie Sommerekzem oder Hufrehe sind bislang bei den Dülmenern vom Radenbachtal nicht aufgetreten. Häufige Pferdekrankheiten wie Koliken, Husten, Lahmheit, fiebrige Infekte beschränkten sich in den vergangenen fünf Jahren auf je einen behandlungswürdigen Ausbruch. Eine gewisse Rolle spielen Verletzungen nach Rangordnungskämpfen bzw. während der Deckzeit und Hautkrankheiten. Hautkrankheiten traten ausschließlich bei Jungpferden auf. Ursachen waren u.a. die Infektion mit dem Erreger der Kälberflechte (Trychopathie), Milchschorf, Eisen-Selenmangel und ein fiebriger Infekt mit Fellverlust.
Trotz des sehr guten Gesundheitszustandes der Herde sind die Aufwendungen für den Tierarzt ein wesentlicher Kostenfaktor bei der Haltung. Durch die geregelte Herdbuchzucht und den häufigen Einsatz von Pachthengsten sind z.B. zuchthygienische Untersuchungen bei Stuten (Tupferproben) notwendig. Tetanusimpfungen, Wurmmittel, Implantieren von Mikrochips und Kastrationen von Junghengsten sind weitere Kostenblöcke, die nicht zu unterschätzen sind.
Kann ein Dülmener mehr als Gras fressen?
Dülmener Pferde sind aufgrund ihrer Seltenheit und ihrer geringen Verbreitung im Allgemeinen und auch unter Reitern kaum bekannt. Sie gelten häufig als museale Relikte bzw. werden als sogenannte „Wildpferde“ romantisch verklärt dargestellt. Wenig bekannt sind die außerordentliche Leistungsbereitschaft und die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten von Dülmenern für alle Sparten des Pferdesportes und auch der Arbeit mit Pferden. In den vergangenen Jahrhunderten haben Dülmener als Kleinbauernpferde vielseitige Dienste im Geschirr geleistet und viele der Dülmener und andere Wildbahnpferde werden ein hartes Leben im Ruhrgebiet unter Tage gefristet haben. Seit den 1960er Jahren werden Dülmener nahezu ausschließlich als Freitzeitpferde, häufig als Kinder- und Familienpferde genutzt. Seit der Gründung der IG Dülmener 1988 haben sich jedoch einige Idealisten gefunden, die Dülmener auch im „großen“ Sport einsetzen und damit beachtliche Erfolge erzielt haben (vgl. http://www.ig-duelmener.de/index.php?xml=Turniererfolge).
Dülmener sind sehr gelehrig und können bei entsprechender Veranlagung und sorgfältiger Ausbildung sowohl spektakuläre circensische Kunststücke als auch Dressurlektionen der Klasse L und M erlernen. Dazu kommt ein Springvermögen, das schon manchem Dülmener Halter den Atem hat stocken lassen. Die Höhe der Koppelzäune der Hengstherde bei Haus Mehrfeld / Dülmen spricht für sich und lässt eher auf die Haltung von Worldcup-Springpferden schließen … Eine längere Tradition haben Dülmener im Fahrsport. Auch dort machen sie eine gute Figur und haben in den letzten Jahren Preise gewonnen. Nach wie vor wird das Gros der Dülmener jedoch als sogenannte Freizeitpferde für die ganze Familie eingesetzt. Ihr von Natur aus sehr guter Charakter, der Verzicht auf Vollbluteinkreuzung und die Aufzucht in großen Herden (bei den Dülmener Wildpferden und den VNP-Dülmenern) sorgen dafür, dass Dülmener einen ausgesprochen „klaren Kopf“ haben und sehr gut sozialisiert sind.
Ausdrücklich muss jedoch davon abgeraten werden, Dülmener Hengste allein, d.h. ohne die wichtige Erziehung durch einen Althengst, aufzuziehen. Hengste eignen sich auch generell nicht als Kinderpony und sollten auch nur von erfahrenen Erwachsenen gehalten werden. Fohlen sollten, wie bei allen Pferderassen, nur in „Kindergärten“, d.h. in Gemeinschaft mit mehreren Fohlen und mehreren älteren Tieren aufgezogen werden, um eine gesunde Aufzucht zu garantieren und Unarten zu vermeiden. Ausgewachsene Wallache und Stuten sind dagegen in jeder Hinsicht als Familienpferde geeignet. Sie können ab drei Jahren in die „Grundschule für Pferde“ gehen, d.h. an der Hand ausgebildet werden und ab vier Jahren unter dem Sattel oder im Geschirr arbeiten.
Warum kriegt man Dülmener nicht geschenkt?
Dülmener Wildpferde werden einmal jährlich in der Wildbahn eingefangen und versteigert. Der Preis für die Jährlingshengste richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Durch die Verknappung des Angebotes in Folge einer verkürzten Deckzeit hat sich der Preis für die Wildlinge in den letzten Jahren bei einigen hundert Euro eingependelt. In „schlechten“ Jahren sollen Dülmener jedoch auch schon zum Schlachtpreis verkauft worden sein. Private Züchter, auch der VNP, nehmen für männliche Jungtiere dagegen mindestens 1.000 EUR, Jungstuten ab 2.000 EUR. Ausgebildete Stuten kosten ab 3.000 EUR. Auf einem inzwischen völlig ruinösen Ponymarkt, auf dem viele Tiere derzeit zum Schlachtpreis verschleudert werden, erscheint das einigen Interessenten viel Geld zu sein. Eine geregelte Herdbuchzucht mit guter Abstammung, ein Mindestmaß an tierärztlicher Versorgung und eine gute tägliche Betreuung sind jedoch nicht als Kosten, sondern als Investitionen in ein gutes, robustes Pferde zu sehen, an dem der Besitzer bei guter Haltung über 20 Jahre lang Freude haben kann!
Fazit und Ausblick
Die Dülmener im Radenbachtal sind keine „Wildpferde“. Sie sind im zoologischen Sinne die Nachfahren verwilderter Hauspferde. Ihre Haltung im Radenbachtal erfolgt in Anlehnung an ein Wildbahngestüt (halbwilde Haltung der Stutenherde), aber mit geregelter medizinischer Versorgung und bewusster, menschenbezogener Haltung in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Es erfolgt eine sorgfältige Zucht mit gezielter Auswahl und Zulassung von Zuchthengsten. Es gibt eine Zuchtbuchführung und alle Tiere werden ordnungsgemäß beim Verband der Pony- und Kleinpferdezüchter Hannover vorgestellt, bewertet und registriert. Für den VNP ist es sehr wichtig, das Dülmener Pferd als alte vom Aussterben bedrohte Haustierrasse zu erhalten. Dazu bietet der sehr naturnahe und großzügige Lebensraum im Radenbachtal gute Bedingungen. Die Tiere eigenen sich optimal für die Landschaftspflege in den Übergangsbereichen von Heide, Wald und Bachtal. Sie haben relativ geringe Futteransprüche und können in durchschnittlichen Jahren ohne Zufütterung auf den großflächigen Koppeln im Radenbachtal überwintern. Sie lassen sich einfach handhaben und können relativ punkt- und zeitgenau mit mobilen Zäunen gesteuert die einzelnen Lebensräume des Radenbachtals gezielt beweiden. Die guten Erfahrungen mit den Dülmener und den Rindern haben dazu geführt, dass das Beweidungsgebiet bereits vor zwei Jahren auf nun mehr als 200 ha erweitert wurde.
Interesse? Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide – Landschaftspflegehof Tütsberg – Dr. Heike Brenken Telefon: 05199 / 298
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