 Über 90 Gebäude der Stiftung Naturschutzpark sind mit Reet gedeckt. Reetdächer gehören zum Bild der historischen Kulturlandschaft des Naturschutzgebietes Lüneburger Heide untrennbar dazu.
Die Heidebauern bauten ihr Haus einst mit dem, was die Natur in ausreichendem Maße hergab – in der Heide war das bei den Dächern in der Regel Stroh. Da die Halme der heutigen Getreidesorten nicht mehr lang und haltbar genug sind, verwendet man heute Reet (Schilfrohr). Der überwiegende Teil des heute verwendeten Reetmaterials kommt aus Österreich, Ungarn, Rumänien, Polen und der Türkei.
Bei uns findet man kaum noch Reet, das für die Dacheindeckung verwendet werden kann. Einerseits sind Reetsorten wie Reet aus Ostfriesland durch Verunreinigungen der Gewässer fast ausgestorben oder degeneriert. Andererseits stehen viele Gebiete, in denen Reet wächst, unter Naturschutz und dürfen aus diesem Grund nicht geerntet werden.
Reet ist ein Schilfrohrgewächs, das an den Ufern von Seen und Feuchtgebieten wächst. Es wächst im Wasser und enthält eine Menge Silicium. Dadurch ist es wetterhart. Es wächst in einjährigem Rhythmus heran und kann lediglich im Winter geerntet werden, wenn der See oder das Feuchtgebiet vereist ist. Obwohl es mittlerweile moderne Spezialmaschinen gibt, erfolgt die Ernte aufgrund des oftmals unwegsamen Geländes oft noch mit der Sichel per Hand. Nach dem Mähen müssen die Reetbunde von Stengeln und Verunreinigungen befreit werden. Eine spezielle Maschine „kämmt“ quasi die Reetbunde aus. Zum Abtrocknen wird das Reet danach bis zu einem halben Jahr stehend gelagert und je nach Verwendungszweck auf die richtige Länge zugeschnitten.
Reetdächer finden sich sowohl im nord- als auch im mitteleuropäischen Raum. Sie sind in unterschiedlicher Dachgestaltung in Dänemark, Frankreich oder in England zu finden. Bei uns findet man Reetdächer vorwiegend in Norddeutschland. Reetdächer sind nicht nur an heißen Sommertagen durch Blitzschlag oder Funkenflug besonders feuergefährdet. Dies begründet auch die höheren Versicherungskosten im Gegensatz zu mit Ziegeln eingedeckten Gebäuden. Mittlerweile lässt sich durch spezielle feuerhemmende Produkte der Entflammungspunkt von Reetdächern erhöhen. Als Folge von Funkenflug sollen die Chancen für das Ausbrechen eines Feuers dann kaum höher als bei pfannengedeckten Häusern liegen. Der VNP sieht von der Verwendung chemisch behandelten Reets wegen der nicht unproblematischen Entsorgung bei Erneuerung eines Daches ab. Und dies, obwohl es immer wieder einmal zu Gebäudebränden durch Feuer oder Blitzschlag kam. So brannte im Jahr 1973 ein erst drei Jahre alter Schafstall bei Inzmühlen ab, 1987 brennt das „Franz-Haus“ auf dem „Hillmershof“ in Wilsede fast vollständig ab – und wird sofort wieder aufgebaut.
Nicht jeder Dachdecker kann ein Reetdach eindecken: erst nach der Lehre dürfen sie sich Reetdachdecker nennen! Das Reet wird in Bunden auf das einzudeckende Dach gebracht. Dort wird es gebunden, genäht oder geschraubt. Beim gebundenen Dach beginnt der Reetdachdecker von der Traufe aus Lage für Lage der Reetbündel an der Holzlattung zu befestigen. Die Bunde werden auf die Lattung gelegt. Darauf kommt ein 5 mm starker Rundstahl parallel zur Lattung. Mit Bindedraht wird der Rundstahl alle 20 cm locker an der Lattung gebunden. Nun werden die Bunde aufgeschnitten und mit dem Klopfbrett in Form gebracht. Erst dann wird der Bindedraht fest angezogen. An Stelle des Bindedrahtes kann auch eine Schraube verwendet werden, um die mittig ein Draht gewickelt ist. Bei der genähten Deckung benötigt man eine gebogene und eine gerade Nadel. Mit der gebogenen Nadel wird der Draht durch das Reet durchgesteckt und mit der geraden Nadel auf der Innenseite des Daches aufgenommen. Ein neu eingedecktes Reetdach hat eine Stärke von mindestens 30 cm. Wichtig ist auch eine ausreichende Hinterlüftung des Daches: wer versucht, aus einem "alten", reetgedeckten Haus mit entsprechender Hinterlüftung ein "Null-Energie-Haus" zu machen, wird diesen Schritt bitter bereuen. Das Naturprodukt Reet würde von innen her vorzeitig verrotten.
Durch Witterungseinflüsse verrotten im Laufe der Jahre die Spitzen des Reets. Beschleunigt wird dieser Vorgang natürlich, wenn ein Reetdach von zu dicht am Haus stehenden Bäumen dauerhaft beschattet wird und Wind und Sonne das Dach nicht ausreichend abtrocknen können. Dann setzt noch schneller als normal eine Vermoosung der Dachfläche ein, die noch mehr Feuchtigkeit speichert und den Verrottungsprozess weiter beschleunigt. Wie schnell der Alterungsprozess voranschreitet, ist von verschiedenen Faktoren abhängig: je steiler die Dachneigung eines Gebäudes ist, desto haltbarer ist es. Es kann schneller abtrocknen als flache Dächer. Schädlich ist auch auf dem Reet liegendes Laub, das ähnlich wirkt wie Moos. Natürlich bestimmt auch die Qualität des verwendeten Materials eine wesentliche Rolle. Die Haltbarkeit von neu eingedeckten Reetdächern liegt heute je nach Standort, Materialqualität und Pflege zwischen 40 und 60 Jahren.
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